Treibhauskinder

in die Vase gestellt:
erste Tulpen, eine blaue
Hyazinthe, Birkenzweige,
eine verschlossene Rose –
jeden Abend trag ich sie
ins Dunkle, Kühle. Damit
sie langsamer sterben.

(in: „Überlass es der Zeit″, Hrsg. S. Völlger,
Sanssouci im Carl Hanser Verlag 2008)


Eingekocht

Der Duft der Sommeräpfel,
wie sie köcheln im Zuckersud,
ganz leicht zerfallen zu Mus,
hellgelb wie die früheste Sonne –
und ich sehe sie immer noch
liegen und leuchten im feuchten
Morgengras wie in kleinen
Nestern aus Licht.

Von den wechselnden Geschwindigkeiten des Tages

Alles auf einmal gewollt: die Songs hören
von Nick Drake, Zeitung lesen, schnell,
und Gedichte, sehr langsam. Und nicht
verpassen, wie im Glaskrug die wilden
Erbsenblüten welken: wie ihr Pink
schwindet, wässrig wird, türkis,
lichtblau –

und auf einmal das laute
Ticken der Uhr, der schnellere
Herzschlag, der Tag, wie er rennt,
mir davon rennt, und nie
hol ich ihn mehr ein, ehe es
Nacht wird.

(in: „Wahrnehmung“, herausgegeben vom Förderkreis
deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg 2007)


Erscheinung

Wolkengeschiebe schwarzgrau
da bricht
ins Fenster ein Balken Licht
die Augen erschrocken
hören Glas splittern.


Freund

Nachts auf dem Heimweg
von Laterne zu Laterne, wie da
zwischen dieser und der nächsten
Helligkeit mein Schatten mir
aus den Schuhen wächst, schwarz
und schnell mich überholt, groß
wird, ein Riese, der sachte ent-
schwindet vorm nahenden
Lichtschein – und wieder
sich anschleicht…

(Eßlinger Zeitung, 9.10.2005)