Donau stromauf

Wir reihten die Tage auf Silberschnüre,
die über dem Wasser glänzten im Wind,
wir zogen stromauf in dem grünen
Gewoge, tag-nachtlang der rauschende
Wechselgesang.

Und unter den Füßen vibrierten die Kessel,
ihr Stampfen quoll auf in den Ohren, ging
unter im Schaben der Wellen am Schiffsrumpf,
ein Suchgeräusch: wo

endet das Harte, lässt Fließendes ein?
Jede Nacht, bei gedrosselter Fahrt,
schwappte der Strom uns in unruhige
Träume, in schwankenden Schlaf.

 

In "Lichtfänger", 2014


Spökenkieker-Lied

Um den Haubarg schleichen
wieder die Geister, ein bleiches
Gelichter, aus Feuchte geboren,
das bläht sich und dreht sich, das
windet sich, schwankt, im Nichtlicht die
Bäume, die Mauern versinken, schon
schwindet das  Dach. Ein Wehn ohne
Wind treibt das Schwindelgesindel
abendlang, nachtlang ums wankende
Haus. Und es warnt dich kein Laut.

 

In "Lichtfänger", 2014


Vorhut

Neben dem Winterjasmin
füllen Krokusse ihre
Kelche mit frühlingswarmem
Sonnengelb, kleine Vögel
machen sich wichtig, als wär
ihr Reviergesang schon eingeübt,
und selbst die alten,
erfahrenen Apfelbäume schicken
eine Vorhut Knospen
raus ins verfrühte Leuchten.

Nur die Eichen, kahl
am Waldrand, ringen
die Äste, als müssten sie
den entgangenen Winter
beschwören. Oder als
wüssten sie, was kommt.

 

In "Lichtfänger", 2014


Treibhauskinder

in die Vase gestellt:
erste Tulpen, eine blaue
Hyazinthe, Birkenzweige,
eine verschlossene Rose –
jeden Abend trag ich sie
ins Dunkle, Kühle. Damit
sie langsamer sterben.

(in: „Überlass es der Zeit″, Hrsg. S. Völlger,
Sanssouci im Carl Hanser Verlag 2008)


Eingekocht

Der Duft der Sommeräpfel,
wie sie köcheln im Zuckersud,
ganz leicht zerfallen zu Mus,
hellgelb wie die früheste Sonne –
und ich sehe sie immer noch
liegen und leuchten im feuchten
Morgengras wie in kleinen
Nestern aus Licht.

 

In "Lichtfänger", 2014