Vom Blühen, vom Welken

„Blühn ist ein tödliches Geschäft“
(Helmut Heißenbüttel)

Mit dem Fahrrad am Rand der Stadt zwischen hoch aufgeschossenen Sommerwiesen unterwegs, ein warmer Duft im leichten Wind, leises Gesumm, und sehr weiße Wolken über mir. Seitlich an einer Böschung auf einmal dieses Aufleuchten: pink! Wie ein heller Ruf: schau hin, du musst! Das Rad steht schon, ich stakse durch hohes Gräser- und Krautgewirr auf die unglaubliche Farbe zu: Wilde Erbsenblüten sind es, unwiderstehlich für die Augen, die Hände, die davon haben wollen, ein Stück vom Leuchten mitnehmen nach Haus.

Da stehen sie auf dem Schreibtisch, ein kleiner Strauß Blüten, die wie exotische Schmetterlinge auf den rankenden Stielen sitzen. Immer wieder fängt dieses Pink den Blick. Ich mag Kleider dieser Farbe nicht, Lippenstifte nicht, Stoffe, Buchcover – nie gefiel sie mir, ich fand sie aufdringlich, unangenehm. Aber das hier ist etwas ganz anderes. Das hier blüht und strahlt und wärmt wie der Sommernachmittag draußen, in dem ich nicht mehr bin.

Am anderen Morgen schon sehen ein paar der Blüten aus wie verweint. Als wäre über Nacht etwas weggeflossen von ihrer Farbe. Am oberen Blütenrand ist da ein schwacher bläulicher Schimmer, läuft aus ins nur eine Spur, aber doch: blasser gewordene Pink. Und ganz zarte Linien ziehen sich durch die Blütenblätter, haarfeines Geäder, das ich vorher nicht wahrgenommen habe. Durchsichtige Haut mit Knitterlinien. Als würde sie morgen schon, vielleicht noch heute, anfangen zu erschlaffen. Nicht bei allen, nein, bei den meisten noch nicht. Die meisten leuchten noch, sind noch straff. Nur ein paar nicht, ein paar haben diese matten, ausgewaschenen Ränder. Ich fülle rasch frisches Wasser nach, sehe durchs bauchige Glas, dass die Stängel genauso grün und saftig stehen wie gestern.

Am nächsten Tag ist es unübersehbar. Nur noch wenige Blüten behaupten ihr klares Leuchten. Und ein paar sind schon zusammengeschrumpft zu winzigen beige-bräunlichen Tüten, so hinfällig, so arm. Aber Ich kann den halben Tag lang nicht aufhören, dem Schwinden zuzuschauen, will die Verwandlung nicht verpassen bei denen, die gerade erst anfangen, sich einzurollen. Ich halte sie gegen das Licht und sehe: da leuchtet innen immer noch widerständig ein Restchen Pink, während am äußersten Rand das Blau bei den einen sich verdunkelt, bei anderen fältelt sich ein fahles Gelb.
Am dritten Tag: was für eine Farbigkeit in all dem Welken! Das Pink zum Rosa verblasst und mit diesen Anflügen von Blau, nein, nicht mehr Blau, mit einer neuen Farbe – als hätte sich ein Spritzer Türkis in einem Wassertropfen aufgelöst. Dazwischen ein Weiß, wie von sehr weit weg mit einem rötlichen Licht angestrahlt, ich weiß keinen Namen für diese Farbe.

Und sehe am nächsten Tag, dass ich noch immer nicht genau genug hingeschaut habe – da glänzt ja ein ganz frisches, kleines lebendiges Grün zwischen den verblühenden Farben, muss gestern schon da gewesen sein. Aus den fast vertrockneten Tütchen haben sich winzige Erbsenschoten geschoben – trotzig wie raus­gestreckte Zungen!
Und sie wachsen noch, ein um den anderen Tag seh ich sie sich mühen, sehe, wie sie mitten im gänzlichen Verfall der Blüten sich behaupten, noch Samen ausstreuen wollen irgendwann. In einer Zukunft, die ich ihnen abgeschnitten habe.