"Wir führen Buch und erleiden Verluste"*

"Vorm Fenster fugendichte Nacht",
lese ich in alten Notzizen. Wo war ich da?
Und wie lange muss das her sein:
dass es Dunkelheit gab, die Hand
nicht vor Augen zu sehn?

Längst umzingelt die Nächte von Licht,
dem Rollläden nicht gewachsen sind,
Blinken, das sich durch Ritzen stiehlt,
Laternen, die keinen Schatten dulden.

Und Stille? Zur-Ruhe-Kommen?
Aufatmen: Aaah, es ist Nacht?
Vergeblich zieh ich geräuschvolles
Zwielicht mir über die Ohren...

                          * Fernando Pessoa


November-Blues

Was Zeitungen schwarz auf Weiß
berichten, das Radio über den Äther
schickt (...ach das schöne alte Wort,
seine wolkenlose Himmelsweite...)
– es droht mir den Tag zu vergällen.

Ans Fenster flüchten: Da draußen
vielleicht noch Abschied nehmende
Vogelstimmen irgendwo im Gebüsch,
ein Sonnenstrahl auf letztem Blattgold,
eine kleine Lichtmusik?

Zu spät.
Nebel zieht den Vorhang vor, sperrt
Farben und Töne aus. Und mich ein.


Dieser Herbst!

Unbeirrbar, dieser Herbst! Und macht's wie immer:
Weckt die Farben auf, die unterm Blattgold schliefen,
zieht, mit der tief gestellten Sonne vereint, alle
Beleuchtungsregister: Wald, Gärten, Felder rückt er
in dieses Licht, das nur er kann – kein Frühling,
kein Sommer, Winter schon gar nicht. Nur er.

Und ich will es sehen, will schauen, nichts als Auge
will ich sein für das rot-orange-gelbgoldene Lodern,
den in Brand geratenen Ahorn, den hell angestrahlten
Tanz der Birken, die Glut der letzten Birnbaumblätter.
Will auch die Luft sehen, die so durchsichtig ist
wie sonst nie, will sie einatmen, als wäre sie rein.

Hören, was der Herbst sagt, will ich nicht. (Nein,
nicht wieder sein Memento...). Doch auf dem
Waödweg hat er mich schon überlistet: knistert
und raschelt unter meinen Schuhen, damit ich
ja nicht übersehe, was übrig bleibt von allem Glanz


Nachklang

Wenn auch die Zunge einen Rest von Süße
noch weiß: Die gelben Birnen sind gegessen,
die Schwäne fort gezogen, und die Rosen nahmen
ihren Duft mit ins Verblüh‘n. Was an Zeit noch
zugemessen, ist keine Hälfte mehr und hat
es eiliger mit dem Entflieh‘nl

Doch kostbar, sagt man, sei wovon am wenigsten
es gibt. Täglich reicher werd ich so an Tagen,
die voller Nachklang sind. Und kann mich freuen
gegen Abend, die Fahnen noch klirren zu hören
im Wind.


Schattenflug

Einmal, ein einziges Mal nur sah ich sie
im Dämmerlicht nebeneinander sitzen
auf einer Schranke zwischen Feldweg
und altem Bauernhaus, sah ihre dunklen,
rundaugigen Gesichter reglos mir zugewandt.

Mein Stehenbleiben, mein Schauen raubt
ihnen die Ruhe – auf lautlosen Schwingen
heben sie ab, ein zwiefacher Schattenflug,
der eins wird mit Waldranddunkel.