Zweiter Himmel

Sie stehen kopf im nächtlichen
Teich, angeleuchtet woher, beharrlich
unstet die grünen Häupter, nicht gewiss
des zweiten Himmels dort unten, aber
schon hineingewachsen; ein Wind
aus der Tiefe kräuselt die Blätter, leis
wie vorn ferne ein Lied, das ins Ohr
sinkt, lange nachklingt, wirklicher
als jedes laute, nahe Geräusch.

Von der Geduld des Windes

Schön schreibt der Wind
in den Sand am Meer.

Stetig, jahrhundert-
tausendelang schrieb er
und schreibt der Geliebte
der See seiner unsteten
Freundin unzählbare
Zeilen ferne dem Flutsaum
und fern ihren nassen
Lippen schreibt er

                                 
dies                       immer
     eine        Welle           dies        Wort
            Wort                         eine         Welle


zarteste Zeilen so ferne
dem Flutsaum und kein
Wellenwort je keines.
dem anderen gleich.

Donau stromauf

Wir reihten die Tage auf Silberschnüre,
die über dem Wasser glänzten im Wind,
wir zogen stromauf in dem grünen
Gewoge, tag-nachtlang der rauschende
Wechselgesang.

Und unter den Füßen vibrierten die Kessel,
ihr Stampfen quoll auf in den Ohren, ging
unter im Schaben der Wellen am Schiffsrumpf,
ein Suchgeräusch: wo

endet das Harte, lässt Fließendes ein?
Jede Nacht, bei gedrosselter Fahrt,
schwappte der Strom uns in unruhige
Träume, in schwankenden Schlaf.

Spökenkieker-Lied

Um den Haubarg schleichen
wieder die Geister, ein bleiches
Gelichter, aus Feuchte geboren,
das bläht sich und dreht sich, das
windet sich, schwankt, im Nichtlicht die
Bäume, die Mauern versinken, schon
schwindet das  Dach. Ein Wehn ohne
Wind treibt das Schwindelgesindel
abendlang, nachtlang ums wankende
Haus. Und es warnt dich kein Laut.

Vorhut

Neben dem Winterjasmin
füllen Krokusse ihre
Kelche mit frühlingswarmem
Sonnengelb, kleine Vögel
machen sich wichtig, als wär
ihr Reviergesang schon eingeübt,
und selbst die alten,
erfahrenen Apfelbäume schicken
eine Vorhut Knospen
raus ins verfrühte Leuchten.

Nur die Eichen, kahl
am Waldrand, ringen
die Äste, als müssten sie
den entgangenen Winter
beschwören. Oder als
wüssten sie, was kommt.