Auf den Löwenbrunnen des Guiseppe Valadier

(Piazza del Popolo, Rom)

Er schlug ihn aus dem Stein, diesen wie für immer
ruhenden Löwen. Kein König der Wildnis, ein gefügig,
ein nützlich gemachtes Tier, weggemeißelt alles
Raue, Fremde, die Ohren Menschenohren, menschlich
die geneigten Nasenlöcher – niemals haben sie
Weite gewittert, den Duft eingesogen der Savanne...

Aber kannte Valadier denn lebende Löwen?
Menschen kannte er, und kannte sie gut. Wusste,
dass sie Natur nur gebändigt ertragen, ihre Geschöpfe
bezwungen und unterwürfig. (Wie auch er
untertan war seinem päpstlichen Auftraggeber.)

So zähmte er den Löwen seiner Imagination,
gab ihm – wen höhnte er da? – ein nacktes
Altmännergesicht. Von der Mähne ließ er ihm den
Latz ums Kinn, darüber kein Maul, ein gespitztes
Mäulchen bloß... Nie wird dieser Löwen den Rachen
aufreißen, weit – und zu markerschütterndem Gebrüll.


Später Februar

Im Nordostwind scheint heut alle Kälte
der Welt zu wehn; das Blau des Himmels,
selbst der ferne Glanz der Sonne machen
frösteln, Mantel, Mütze, Schal zum Trotz.

Eisknisternd das Atmen beim Gehen
den zugefrorenen Bach entlang,
unter den Schuhen knacken Reste
längst schon verharschten Schnees.

Zurück zwischen Häusern, die sich
dem Wind entgegen stellen, wirft er sich
auf den Gehweg, zerfleddert eine Zeitung,
fegt mir hart ins Gesicht.

Unwirsch jault dieser späte Februar. Ich
schließe die Haustür auf, drücke sie
hinter mir ins Schloss. Im Kopf von weit
her ein Echo: "Wer jetzt kein Haus hat..."


Wörter

Diese Wörter, sind das
meine? Ich höre ihnen zu.
Gehören sie zu mir?
Ich schaue sie an,und sie
schauen zurück. Wie alte
Bekannte, die auf einmal
fremd und fremder werden,
Laute nur noch, Buchstaben,
Hüllen für etwas
immer weniger zu Erkennendes.
Kennen sie mich? Be-kennen
sie etwas, auf dessen Spur
ich bin oder gern wäre,
eh' das Vestummen
überhand nimmt, mich
mitnimmt in ein großes
Schweigen? Wörter, ihr
schwindenden Begleiter,
wartet. Wartet noch.


Von der Geduld des Windes

Schön schreibt der Wind
in den Sand am Meer.

Stetig, jahrhundert-
tausendelang schrieb er
und schreibt der Geliebte
der See seiner unsteten
Freundin unzählbare
Zeilen ferne dem Flutsaum
und fern ihren nassen
Lippen schreibt er

                                 
dies                       immer
     eine        Welle           dies        Wort
            Wort                         eine         Welle


zarteste Zeilen so ferne
dem Flutsaum und kein
Wellenwort je keines.
dem anderen gleich.

 

In "Lichtfänger", 2014)


Donau stromauf

Wir reihten die Tage auf Silberschnüre,
die über dem Wasser glänzten im Wind,
wir zogen stromauf in dem grünen
Gewoge, tag-nachtlang der rauschende
Wechselgesang.

Und unter den Füßen vibrierten die Kessel,
ihr Stampfen quoll auf in den Ohren, ging
unter im Schaben der Wellen am Schiffsrumpf,
ein Suchgeräusch: wo

endet das Harte, lässt Fließendes ein?
Jede Nacht, bei gedrosselter Fahrt,
schwappte der Strom uns in unruhige
Träume, in schwankenden Schlaf.

 

In "Lichtfänger", 2014