Kurzbesprechung zu "Frühe Zimmer..."

Im Programmheft SuR / KulturPolitik für Stuttgart und Region, Ausgabe 45 – Jun / Jul / Aug. 2017 schrieb Ina Hochreuther unter SOMMERTIPPS:

"Wie fühlte es sich an aus Kindersicht, als der Krieg zu Ende ging und der Wiederaufbau begann? Die Stuttgarter Lyrikerin und Übersetzerin Ingeborg Santor, 1941 geboren, zeigt in >Frühe Zimmer, kleine Jahre< lebendige Miniaturen aus der Zeit von 1944 bis 1950. Die Schrecken, aber auch manches Glück spürt der erwachsene Leser, an den sich das fein geschriebene Büchlein wendet."


Rezensionen

Zum Gedicht "Freibug, auf dem Schlossberg

[...] Zu Füßen der Marktstände und der Obstverkäufer erhebt sich das Münster und auf den großen Bau hin konzentrieren sich die Blicke, an ihm prallen die Geräusche des Alltags und die Zeit des Menschen ab. Und hinter dem Münster liegt der Schlossberg.
Ingeborg Santor hat in ihrem Gedicht genau diese Qualität des Münsters erfasst. Sie schaut vom Schlossberg [...] und baut ihre Verse wie gotische Säulen in die Höhe, elf Verse in der ersten Strophe, in denen das Geschehen der Stadt, konzentriert auf ihre Geräusche, benannt wird. Vom Rauschen der Stadt über den blechernen Strom, den Schallspitzen der Martinshörner, bis hin zu zum "Beat der Straßen". Eine Wortfindung wie von Jürgen Theobaldy, der den Rhythmus und den Ton der 70er und 80er Jahre so treffend fasste und in denen viele Angestellte und Studenten ihr eigenes Lebensgefühl gespiegelt fanden. [...] Ingeborg Santor setzt den Beat der Straßen wie ein Zitat ein, um das Kontrastierende zur Erhabenheit des Münsters, die Gegenmomente des Alltags und des Zeitgeistes zu nennen. In der zweiten Strophe mit ihrem Sonnendunst, dem Schweigen des Münsters, dieser "Insel aus Stille" – findet Ingeborg Santor die poetische Essenz des Münsters, gotisch, hochaufragend, still und ferngerückt vom Trubel.
(Matthias Ulrich in NOXIANA Nr. 29, Januar 2015)

Zum Gedicht "Donau stromauf":

Als ich Ingeborg Santors Gedicht Donau stromauf las, war ich überrascht, ein so klassisch gefügtes Gedicht zu finden [...] Schon die Anfangszeile Wir reihten die Tage auf Silberschnüre hat vier Hebungen und ist vollkommen in seiner wortmusikalischen Fassung. Die Wörter Wasser, stromauf, Gewoge, Wechselgesang der ersten Strophe erzeugen diesen Wechselgesang, von dem die Rede ist. [...] Die zweite Strophe rhythmisiert den Ton, indem sie durch Lautverdoppelungen unter Führung der Vokale [...] die Verse klanglich-vokalisch und alliterativ verbindet. Und in der Schluss-Strophe ein Ausklingen: Wo / endet das Harte, lässt Fließendes ein? Daktylisch das Metrum, das in die unruhigen Träume und in den schwankenden Schlaf mündet.

[...] weil viele ihrer Gedichte so geschrieben sind, als würde sie vom Klang ausgehen und den Wörtern hörend nachspüren. Als Leser hat man den Eindruck, wie bei einer Partitur die Notenschrift eines Gesamtklangs zu lesen [...] 
Keine Frage, ob das auf der Höhe der Zeit ist. Es ist auf der Höhe der Dichtung – und das ist das Entscheidende.          
(Matthias Ulrich in NOXIANA Nr. 28, Oktober 2014) 

Zu "Lichtfänger":

Die Gedichte sprühen vor Ideen und durchbrechen oft genug den elegischen Ton, der sonst im Buch vorherrscht, mit hübschen Einfällen wie „nächtliche Dunkelziffern“ oder „fiebernde Lampen“. [...]
Lichtfänger ist ein Band, den es sich lohnt aufzublättern, schon allein wegen des bemerkenswerten und behutsamen Gedichts über den Tod der Mutter: 

Stirb doch, sagt
meine Mutter zu ihrem
kleinen Hund (...)
dann kann ich auch. 

(Stuttgarter Zeitung, Ausgabe Esslingen, 12.07.2014)

Zu "Lichtfänger"

Die Themen der Gedichte sind vielfältig, was sie eint, ist das Weltliche des Menschen, seine Anwesenheit auf Erden, die sie zeigen und ausdrücken. [...] Distanz und Einfühlung, metaphorische Phantasie und Klarheit der Verse, das zeichnet die Gedichte aus.               
(Matthias Ulrich, "Buchapplaus" in NOXIANA Nr. 27, Juli 2014)

 Zu „Im Schneelicht“:

Einen Großteil des Bandes machen Naturgedichte in der Tradition eines Günter Eich aus. Gut beobachtete Details der Natur erzählen im übertragenen Sinne vom Menschen.      
(Hier im Stuttgarter Norden, 20.02.2004)

Zu „Schlafmohntage“:

Genau erinnerte Kindheitsbilder und Alltagsbeobachtungen werden da psychologisch sensibel und sprachlich farbenreich auf ihre Hintergründigkeit befragt.
(Stuttgarter Zeitung, 29.05.1989)

Ihre beredten Geschichten kommen ohne große Schicksale aus. Kein opulentes Panoptikum aus dem Wirtschaftswunderland, sondern scheinbar kleine, aber sorgfältige „Insel“-Betrachtungen aus Kinderperspektive. 
(Eßlinger Zeitung, 07.12.1998)

Santors Gegenstand, das zeigte sie auch mit ihren Gedichten, ist das „Hier und Heute“.                            
(Schwetzinger Zeitung, 14.07.1999)

Zu „Amsellied und Krähenschrei“:

Der Stuttgarter Autorin gelingen in ihrem ersten Gedichtband [...] immer wieder einzigartige Metaphern, poetische Wortgebilde, die einen neuen und frischen Gedanken übermitteln. Gedichte, die ganz für sich stehen können.
(Matthias Ulrich in Flugasche IV/1994)