Neues vom Schnee, vom Glück

Gefunden in meinen Wörterschachteln die Zeile:
"The snowy grounds of happiness". Aus welchem
Zusammenhang gerissen, mir angeeignet von wem?
Kein Erinnern. Aber der Klang der fremd-vertrauten
Sprache gleich im Ohr. Und hartnäckig präsent
den Tag lang, im Einschlafen noch.

Warum snowy? Landschaften des Glücks
verschneit, zugeschneit, schneeig? Oder ganz
anders gemeint? "In einem kühlen Grunde"*,
fällt mir ein – als wär's ein Ort unterm Schnee
und dort verborgen das Glück, nicht offensichtlich.

Spät nachts aufgewacht, denke ich weiter
der Zeile nach. Gehe irgendwann ans Fenster,
einer Ahnung wegen – und wirklich: Es schneit!
Schneit lautlos über the grounds of happiness hin.
Und über zwei Sprachen, die schweigen sich aus.

                                            * Altes Volkslied


Zweisprachig in "Poems for Life" 2021


Wurzelgrund

So wenig Erde braucht sie, hat sich den
winzigen Wurzelgrund überm Rinnstein
genommen, nah an einer Autotür, nah
an vorbei eilenden Schritten, viel zu nah
am Zertretenwerden.

Aber da steht sie. Aufrecht auf dünnem
Stengel hat sie ihr kleines Mohn-Rot
aufblühen lassen, zwei Knospen gewagt.
Steht und nickt in den Wind.


Inkognito

Bin unterwegs ohne Namen. Weiß nicht,
ob mein Gesicht mich noch kenntlich macht
– kein Spiegel zur Hand, kein Begleiter. Nur
die drängelnde Meute der Erinnerungen.

Ich lasse ihnen die lange Leine, damit
sie sich austoben können, ohne Vorsicht,
ohne Rücksicht, unstet, wie sie sind.

Sollten sie sich losreißen, sich verirren,
nicht zurückfinden zu mir – was bliebe
mir als Substanz? Nur die Gedanken
beim Gehen im flüchtigen Heute?

Inkognito unterwegs, grüß ich den all-
gegenwärtigen Wind, der mich nach Haus
wehen wird. Hierhin oder dorthin.


"Wir führen Buch und erleiden Verluste"*

"Vorm Fenster fugendichte Nacht",
lese ich in alten Notzizen. Wo war ich da?
Und wie lange muss das her sein:
dass es Dunkelheit gab, die Hand
nicht vor Augen zu sehn?

Längst umzingelt die Nächte von Licht,
dem Rollläden nicht gewachsen sind,
Blinken, das sich durch Ritzen stiehlt,
Laternen, die keinen Schatten dulden.

Und Stille? Zur-Ruhe-Kommen?
Aufatmen: Aaah, es ist Nacht?
Vergeblich zieh ich geräuschvolles
Zwielicht mir über die Ohren...

                          * Fernando Pessoa


November-Blues

Was Zeitungen schwarz auf Weiß
berichten, das Radio über den Äther
schickt (...ach das schöne alte Wort,
seine wolkenlose Himmelsweite...)
– es droht mir den Tag zu vergällen.

Ans Fenster flüchten: Da draußen
vielleicht noch Abschied nehmende
Vogelstimmen irgendwo im Gebüsch,
ein Sonnenstrahl auf letztem Blattgold,
eine kleine Lichtmusik?

Zu spät.
Nebel zieht den Vorhang vor, sperrt
Farben und Töne aus. Und mich ein.

 

Zweisprachig in "Poems for Life" 2021