Dieser Herbst!

Unbeirrbar, dieser Herbst! Und macht's wie immer:
Weckt die Farben auf, die unterm Blattgold schliefen,
zieht, mit der tief gestellten Sonne vereint, alle
Beleuchtungsregister: Wald, Gärten, Felder rückt er
in dieses Licht, das nur er kann – kein Frühling,
kein Sommer, Winter schon gar nicht. Nur er.

Und ich will es sehen, will schauen, nichts als Auge
will ich sein für das rot-orange-gelbgoldene Lodern,
den in Brand geratenen Ahorn, den hell angestrahlten
Tanz der Birken, die Glut der letzten Birnbaumblätter.
Will auch die Luft sehen, die so durchsichtig ist
wie sonst nie, will sie einatmen, als wäre sie rein.

Hören, was der Herbst sagt, will ich nicht. (Nein,
nicht wieder sein Memento...). Doch auf dem
Waödweg hat er mich schon überlistet: knistert
und raschelt unter meinen Schuhen, damit ich
ja nicht übersehe, was übrig bleibt von allem Glanz.

 

Zweisprachig in "Poems for Life" 2021


Nachklang

Wenn auch die Zunge einen Rest von Süße
noch weiß: Die gelben Birnen sind gegessen,
die Schwäne fort gezogen, und die Rosen nahmen
ihren Duft mit ins Verblüh‘n. Was an Zeit noch
zugemessen, ist keine Hälfte mehr und hat
es eiliger mit dem Entflieh‘nl

Doch kostbar, sagt man, sei wovon am wenigsten
es gibt. Täglich reicher werd ich so an Tagen,
die voller Nachklang sind. Und kann mich freuen
gegen Abend, die Fahnen noch klirren zu hören
im Wind.


Schattenflug

Einmal, ein einziges Mal nur sah ich sie
im Dämmerlicht nebeneinander sitzen
auf einer Schranke zwischen Feldweg
und altem Bauernhaus, sah ihre dunklen,
rundaugigen Gesichter reglos mir zugewandt.

Mein Stehenbleiben, mein Schauen raubt
ihnen die Ruhe – auf lautlosen Schwingen
heben sie ab, ein zwiefacher Schattenflug,
der eins wird mit Waldranddunkel.


Somnambul

In meinem Schlaf ist so viel
Traum, den eine träumt,
die "ich" sagt mit meiner Stimme,
die mir fremd ist, fern ist,
eine andere, eine junge.
Und spricht mit rascher Stimme
mit vielen, rasch sich bewegenden
anderen Fremden. Eine Angst
spür' ich in ihr, sie will
weg aus diesem Traum,
der meiner ist.


Krähen on-line

Wie sehr gegen Abend
des Spätherbstes Blässe
das Schwarz vertieft eines Vogelzugs:
Krähen, die mit schweren Flügeln
sich aufzumachen scheinen
zu ihrem Schlafbaum.

Schlafbaum? Das war gestern.
Oder irgendwann früher. Ich sehe,
wie sie hoch oben auf Drähten
der Überlandleitung Abend für
Abend sich aufreih'n für die Nacht,
on-line auf ihre Weise.

Dass sie das nächtliche Tuscheln
der Blätter, das Schwanken und
Knarzen der Äste nicht vermissen,
das Vorüerhuschen anderer
Wipfelbewohner, das Verborgensein
und die kleine Wärme, die auch
ein herbstlicher Baum noch gewährt?