Am Ufer, damals

Immer wenn sie traurig waren, gingen sie zum Fluss.
Sie gingen oft zum Fluss. Er floss breit und grau zwischen steilen Uferbefestigungen aus Basaltstein, die erst hinter den letzten Häusern, nach den letzten, kugelig zurecht gestutzten Zwergplatanen der Uferpromenade endeten. Hier erst war er frei, war wirklich Fluss, floss durch Landschaft, deren sumpfige Wiesen und krumme Trauerweiden sich bis dicht ans Wasser hinunter zogen. Weiter landeinwärts begleiteten ihn Äcker, Feldwege, die ausschwingenden Waldhänge des Siebengebirges.
Da, wo der Fluss einen großen Bogen machte, säumte ihn ein weit ausholendes, kieseliges Ufer, an dem jedes Winterhochwasser sein Treibgut ablud. Bizarr ineinander geschobenes, bleiches Geäst bot Möwen und Wildenten Landeplätze; dazwischen schoss Grünes ins Kraut, schwankte im Wind, der fast immer vom Wasser her aufstieg.
Bis hierhin gingen sie. Weg von den Häusern, von der Welt der Erwachsenen, überhaupt von den anderen. Sie liefen schräg hinunter zu der Stelle, die sie unsere nannten, und von wo aus man die Häuser der Stadt nicht mehr sehen konnte, nur die am anderen Ufer, aber die waren weit weg. Sie setzten sich ins Geröll nah am Wasser, wickelten ihre Röcke – die seit kurzem mindestens eine Handbreit übers Knie hinunter reichen mussten, denn sie waren jetzt 13, keine Kinder mehr –, wickelten die Röcke also um die angezogenen Beine und schlangen die Arme darum.
Sie sahen den Wellen zu, deren äußerste über die Kiesel schwappten, sie aufleuchten ließen und wieder erlöschen und wieder aufleuchten. Sie schauten hinaus auf das dunkle, ununterbrochene Unterwegssein des Wassers, das der im Dunst sich öffnenden Tiefebene zustrebte und immer weiter, dem Meer entgegen, das sie nicht kannten.
Manchmal redeten sie über das Fließen dieses immer gleichen Stromes, der doch in keinem Augenblick derselbe war. Aber er war immer dagewesen, hatte ihre Kindheit begleitet, so selbstverständlich, dass ihnen der Gedanke, nicht am Fluss zu wohnen, ganz fremd vorkam.
Längst ließen sie keine flach geschmirgelten Steinchen mehr um die Wette übers Wasser flitschen – welches macht die meisten Sprünge, ehe es versinkt? –, sie sammelten auch keine sonderbar geformten Holzstücke mehr am Ufer. Und schwimmen konnte man seit Jahren nicht mehr in den undurchsichtigen Fluten; von den hölzernen Umkleidekabinen des Strandbades rollte sich die weiße Farbe ab wie Rinde von alten Birken. Der Fluss fror auch nicht mehr zu bis fast zur Mitte wie damals, als ihre Füße noch zu klein gewesen waren für Schlittschuhe und sie die größeren Kinder beneidet hatten, die auf wackligen Kufen über das Buckeleis mit den vielen eingeschlossenen Luftblasen geschlittert waren.
Nichts, was damals wichtig gewesen war, hatte seine Wichtigkeit behalten – nur der Fluss. Sein rauschendes Weg- und Vorüberziehen, sein Immer-weiter-Fließen, das sich nicht greifen ließ. Der Fluss tröstete sie, ohne dass sie gewußt hätten, warum.
Hier, zu ihren Füßen, konnten sie sein Fließen mit den Augen verfolgen, auch ein Stückchen weiter hinaus noch blieb die rasche, gleichmäßige Bewegung sichtbar. Aber in der Mitte, wo er besonders tief war – sie wussten es aus der Schule –, wo er also am mächtigsten strömen musste, da schien er von hier aus gesehen schwankend still zu stehen, eine weite, graublaue Fläche. Nur wenn sie versuchten, auf einen Punkt dort draußen zu starren, zog der Fluss ihre Blicke mit sich fort, war doch wieder Welle auf Welle auf Welle, nicht zu halten. Erst recht, wenn Lastkähne vorbei zogen oder die bunt bewimpelten Vergnügungsdampfer. Dann sprang Licht aus den Bugwellen, das Wasser zog heftig schwingende Linien die Bordwände entlang, der Fluss geriet nach allen Seiten in Bewegung: Er strömte nicht mehr träg in eine Richtung, sondern rollte sich schäumend auch seitwärts auf die Ufer zu, ließ die dort vertäuten Ruderboote hüpfen, flussabwärts hob und senkte er die mächtigen stählernen Schwimmer der Schiffsanlegestellen, die dann dumpf aufs Wasser klatschten und an ihren Ketten zerrten.
„Kannst du dir vorstellen, dass man ins Wasser geht?“ fragte die Freundin einmal. Sie sah sie an, antwortete nicht.
„Man ertrinkt eigentlich nicht, man erstickt. Und dann versinkt man und kommt erst nach ein paar Tagen wieder hoch. Mein Vater hatte einen Freund, der...“
Sie ließ Kiesel durch die rechte Hand rutschen, einzeln klickten sie aufs Ufergeröll.
„Er hat ihn dann gesehen, nachdem sie ihn gefunden hatten. Das war furchtbar, sagt mein Vater. Man sieht ganz, ganz schrecklich aus, wenn man ertrunken ist. Das vergisst du nie, hat mein Vater gesagt.“
Sie lehnten die Köpfe aneinander und sahen wieder auf den Fluss hinaus.
Lange, schwer beladene Frachtschiffe schoben sich im Verbund stromaufwärts. Sie lagen so tief im Wasser, dass die Bugwellen seitlich über die flachen Bordwände gierten. Trotzdem rannte auf dem vordersten Kahn ein Hund kläffend den schmalen Umgang entlang, immer hin und her. Dann sahen sie eine Frau mit einem Korb aus der Kajüte kommen. Sie begann, Wäsche aufzuhängen; der Wind riss sie ihr fast aus den Händen. Die Mädchen standen auf, um besser zu sehen, liefen ein Stück neben dem Frachter her bis zum Bootssteg hinter der Flussbiegung.
„Sie haben sogar Gardinen am Fenster. Und Blumen! Ob die echt sind?“
Wie lange würde man unterwegs sein von Hamburg oder Rotterdam bis hierher und immer weiter nach Süden, vielleicht bis an den Bodensee? Und wie das wohl war, auf einem Schiff zu leben, Tag und Nacht ringsum Wasser, und Wasser tief unter sich? Wankender Boden. Man würde den Fluss gurgeln hören und rauschen, immer, auch im Schlaf. Aber einer musste wach sein natürlich und steuern, vor allem weiter flussaufwärts, wo es Stromschnellen gab und Untiefen, Felsen, die nah an die Fahrrinne rückten. In der Schule hatten sie Heines Loreley gelesen und später eine Klassenfahrt gemacht, mit dem Bus rheinaufwärts. Immer schmaler waren unterwegs die Ufer geworden, die Häuser reihten sich meist an einer einzigen Straße auf, dicht hinter ihnen Berge, dicht vor ihnen der Strom. In Sankt Goarshausen hatten sie wie die anderen zum schroff aufragenden Loreleyfelsen hoch geschaut – nur dass ein Bahntunnel hindurch führte, das hatte sie enttäuscht.
Der Fluss dagegen hielt dem Gedicht stand, gerade weil er ihm widersprach: Sie fanden, dass er nicht so ruhig floss wie bei Heine, sondern wilder, dunkler als sie ihn kannten, und sie hatten an den „Schiffer im kleinen Schiffe“ gedacht, den die Wellen verschlangen.
Bald würden die Lastkähne dort sein, vielleicht würde die Frau im Vorüberfahren aufblicken. Und vielleicht kannte sie die Verse vom Traurigsein.